NEW YORK PORTFOLIO 1963|64 - ESSAY

Arthur Edler von Schwertführer machte die Amerikaaufnahmen in den Jahren 1962 bis 1966. Jene bewegte Zeit, in der der Kalte Krieg, Bürgerrechtsbewegungen und der beginnende Vietnamkonflikt die Medien beherrschten, die Beatles Amerika und die Amerikaner das Weltall eroberten, während im New Yorker Flushing Meadows die Weltausstellung stattfand. Seine IMPRESSIONEN AUS AMERIKA, die er als freie Arbeiten fertigte, zeigte er bei aufsehenerregenden Lichtbildvorträgen. Das NEW YORK PORTFOLIO 1963|64 stellt gewissermaßen nur einen Teil der gesamten Amerikaserie dar. Diese besteht aus mehreren hundert Aufnahmen in Form von Mittelformat-Positiven, die alle sorgfältig hinter Glas gerahmt und mit seinem Fotografenstempel versehen sind. 100 davon hatte er in einer schweren Holzbox mit der Aufschrift NEW YORK I archiviert. Der Zusatz römisch I steht hier für Erste Wahl d.h. diese Bilder stellten aus seiner Sicht die Besten dar und wurden bei den Vorträgen gezeigt. Im Inneren der Box befindet sich eine handschriftliche Legende zu den einzelnen Aufnahmen.
Heutzutage, mag man vielleicht vorschnell sagen: Nein, nicht schon wieder New York, aber vor fünfzig Jahren, als diese frühen Farbbilder entstanden und wir von Motiven des Big Apple noch nicht übersättigt waren, galt das noch nicht. New York war und ist unbestritten die Verkörperung einer modernen Großstadt, die Hauptstadt des Zwanzigsten Jahrhunderts und faszinierendste aller Metropolen. Sie ist gigantisch, überdimensional, andersartig und fantastisch. Stadt der großen Karrieren und zerplatzter Träume. New York ist Megacity, Zentrum der Finanz-, Kultur- und Medienwelt, ein Mekka für Werbung, Mode und Design, sie ist Bühne für Filmproduktionen und Schauplatz unzähliger Romane. Die ambitioniertesten und hervorragendsten Fotografen haben sich an New York versucht u.a. Alfred Stieglitz, Diane Arbus, W. Eugene Smith, Helen Levitt, Elliott Erwitt, Andreas Feininger, William Klein, Lee Friedlander, Bruce Davidson, Robert Frank, Ernst Haas, Roy DeCarava, Weegee, Saul Leiter, Fred Herzog u.v.m. haben uns ihr fotografisches Vermächtnis dieser Stadt hinterlassen.

Einen wahren Hype hat die erst unlängst von John Maloof entdeckte Vivian Maier ausgelöst, die völlig unentdeckt sehr eindrucksvolle Aufnahmen vom New York der fünfziger und sechziger Jahre machte. Fotografen aus dem deutschsprachigen Raum gab es zu dieser Zeit hingegen nicht viele, die sich mit New York beschäftigten - der Schweizer Werner Bischof (The World of Werner Bischof - A Photographer's Odyssey), der Österreicher Ernst Haas (New York - Images of a Magic City), aber auch Arthur von Schwertführer. Gleich mehrmals reiste er nach Amerika und kehrte mit faszinierenden Aufnahmen zurück, die wir heute bewundern. Im Gegensatz zu seinen jüngeren, nordamerikanischen Kollegen, stammte er aus einer völlig anderen Epoche und hatte ein jahrzehntelanges, professionelles Fotografenleben bereits hinter sich, als er 1962 mit 71 Jahren zum zweiten Mal in seinem Leben nach Amerika und Kanada aufbrach. Einen ersten Amerikaaufenthalt hatte er bereits Anfang der 1930er Jahre, als er zu Tonfilmaufnahmen für zwei Monate nach Hollywood reiste.
In den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts war es üblich ausschließlich in Schwarz-Weiß zu arbeiten, „Black and white is the color of reality“ sagte schon Robert Frank. Die aufkommende Farbfotografie galt als unästhetisch und ordinär und wurde als billige Effekthascherei verurteilt. Zudem war sie noch nicht ausgereift. Es war teuer und schwierig, brauchbare Farbpapierabzüge herzustellen, die dauerhaft stabil waren und nicht verfärbten. Den Fotografen blieb somit meist keine andere Wahl als auf farbige Papierabzüge zu verzichten. Stattdessen verwendete man Farbdiafilm und betrachtete die entstandenen Aufnahmen mittels Projektor. Aber auch dieses Farbfilmmaterial war noch nicht sehr ausgereift und neigte zu Farbveränderungen. Außerdem verlangte dessen Verwendung dem Fotografen ein gutes handwerkliches Können ab. Das einmal belichtete Positiv konnte nicht mehr korrigiert werden und stellte damit das Endprodukt dar. Ein beispielsweise unterbelichtetes Schwarz-Weiß-Negativ konnte bei der Herstellung des Papierabzuges im Labor nachträglich noch aufgehellt und somit korrigiert werden, ja sogar der Bildausschnitt konnte neu bestimmt werden. Beim Positivfilm war dies alles nicht mehr möglich d.h. ein unter- oder überbelichtetes Positiv war wertlos, der einmal festgelegte Bildausschnitt verbindlich.

Die meisten in den Straßen arbeitenden Fotografen verwendeten Kleinbildkameras und belichteten günstigen Schwarz-Weiß-Film im Format 24x36 mm. Am Ende stand ein kleiner oder mittelgroßer Papierabzug, fertig zum Abdruck in Magazinen, Zeitschriften oder Büchern. Arthur von Schwertführer hingegen nutzte für Arbeiten außerhalb des Studios bereits ausschließlich das teurere Mittelformat. Mit seiner manuellen HASSELBLAD-Kamera belichtete er KODAK- und ADOX-Farbpositivfilme im Format 6x6 cm. Sie ermöglichten es ihm, seine Bilder in bestechender farblicher Brillanz und einer Darstellungsgröße, wie man sie sonst nur aus dem Kino kannte, öffentlich vorzuführen. Wir sehen Wolkenkratzer, Brücken und Hafengegend, Manhattan und das Bankenviertel, Geschehnisse zwischen Wall Street und Lincoln Center, Straßenszenen zwischen Broadway und Vereinten Nationen, Menschen rund um Rockefeller Center, Downtown Manhattan, Fifth Avenue und Diamond District. Heutzutage nennen wir solche Aufnahmen Straßenfotografie bzw. Street Photography.
Eine wesentliche Komponente für das Abbild einer Stadt sind deren Einwohner. Gerade die Aufnahmen von New Yorkern kennzeichnen die Stärke des Fotografen Arthur von Schwertführer als Portraitist und lassen in ihm den Menschenfreund erkennen. Fotografie ist immer auch Begegnung und entsteht aus Zusammentreffen. In diesem Sinne lichtet er die Protagonisten ab, just in dem Moment und ihrem urbanen Umfeld, in dem sie ihm begegnen, im Hier und Jetzt. Nichts ist gestelzt oder arrangiert, alles ist natürlich. Dabei wahrt er eine klare Distanz, tritt zugleich so nahe wie nötig heran, so dass sich eine diskrete Poesie entwickelt. Diese legt er in unsere Augen und überlässt es uns, eine eigene Interpretation der portraitierten Figuren und Situationen zu entwickeln. Gerne setzte er dabei verschiedene visuelle Stilmittel ein und arbeitete mit unterschiedlichen Perspektiven, Bildebenen, Bewegungen und Farbe.

Die Fotografie MIDTOWN, NBC BUILDING (Come In See Yourself On Television) ist eine solche und funktioniert über mehrere Ebenen. Die Systematik der Komposition erzeugt dabei ein Maximum an Spannung. Im Bildhintergrund sehen wir eine junge Familie in einem Fernsehstudio. Sie wird bei ihrer Aktion von einer Fernsehkamera gefilmt, die das Bild live auf einen Monitor im Inneren überträgt, so dass sich die Familie selbst sehen kann. Zugleich wird die Aufnahme auf einen weiteren Monitor, der sich am goldenen Schnitt des Bildes befindet, durch das Schaufenster hindurch nach außen getragen, so dass vorbeigehende Passanten ebenfalls die Aktion sehen können. Dabei werden sie eingeladen mit dem Slogan: „COME IN SEE YOURSELF ON TELEVISION“. Dieser ist nicht zu übersehen und kennzeichnet gewissermaßen die verschiedenen Ebenen. Er erscheint gleich dreimal: über dem Studio, über dem Monitor und am unteren Schaufensterrand. Dabei hat jede Ebene ihr eigenes Licht: Studiolicht, Neon-Deckenlicht und Straßenlicht. Die Szenerie erinnert an eine Theaterbühne, bei der mit der Einschiebung von flachen, hintereinander stehenden, zweidimensionalen Bühnenbildebenen, oder den Einsatz von Spiegeln, eine räumliche Tiefe erzeugt wird. Durch solch einen Kunstgriff überlistet auch der Fotograf die Zweidimensionalität seiner Aufnahme. Rechts ist noch ein Teil eines Globus zu sehen, in dem sich das Deckenlicht spiegelt, sowie weitere bunte Mattscheiben an einer Wand, die das aufkommende Farbfehsehen anpreisen. Das Bild ist außergewöhnlich. Am Ende stellen wir fest, dass es Modernität und Zukunftsglauben ausstrahlen soll. Erst durch das Farblichtbild des Fotografen können wir aber erkennen, dass das abgebildete Monitorbild in Schwarz-Weiß erscheint. Die Mattscheibe hält somit nicht das Versprechen an eine farbige Zukunft und will uns suggerieren, wir würden das Geschehen in Echtzeit erleben. Bei genauer Betrachtung stellen wir fest, dass auch dies nicht tatsächlich stimmt, denn das zu sehende Fernsehbild zeigt eine andere, zeitversetzte Szene, als jene, die sich gerade hinten im Studio abspielt und ist somit nicht wirklich live. Die räumliche Dialektik, das Spiel Farbe vs. Schwarz-Weiß, die Ambivalenz im zeitlichen Versatz zwischen Studioaktion und Darstellung auf dem Monitor, sowie der einladende Slogan, machen diese Fotografie zu einem spannenden und bemerkenswerten Bild.
Eine ähnliche Fotografie aus dieser Serie zeigt ein Selbstportrait des Ehepaares Arthur und Erika von Schwertführer, das sich nun an die Stelle der jungen Familie in das Innere des Fernsehstudios hineingestellt hat. Es entstand wieder eine Farbfotografie, die die Fernsehkamera und den Monitor zeigt, auf dessen Mattscheibe diesmal das Ehepaar in Schwarz-Weiß erscheint. Arthur von Schwertführer fotografiert den Monitor und die Fernsehkamera, die gleichzeitig wiederum den fotografierenden Arthur von Schwertführer filmt, so dass sich eine nicht endende Schleife ergibt, die aber unsichtbar ist. Für den Betrachter bleibt das Bild vom Bild im Bild.

Bemerkenswert auch das Gruppenbildnis MIDTOWN, PUERTO RICAN DAY PARADE, die Momentaufnahme eines Umzuges, wie er in amerikanischen Städten zu feierlichen Anlässen gerne veranstaltet wird. Im Bild erfasst ist eine Gruppe junger Scouts oder Kadetten, dem Anlass entsprechend in Uniform mit Schulterschnur und Schiffchen gekleidet; ausgestattet mit polierten Schuhen und Gamaschen, weißen Gardehandschuhen, Präsentationsgewehren und Fahnenbanner. Die Formation nimmt die ganze Straße für sich ein, im Hintergrund erscheinen Straßenkreuzer und eine Bank. Das Bild wirkt zweifelsohne sehr festlich-patriotisch und ist übersät mit allerlei Insignien und Symbolen: Rangabzeichen, polierte Gürtelschnallen, Flaggen bestückt mit Adler, metallenen Kreuzen und goldenen Kordeln, selbst das Bankgebäude im Bildhintergrund ist beflaggt. Das Auge des Betrachters wandert unweigerlich zwischen den Jungen in der ersten Reihe hin und her. Sie führen die Gruppe an und tragen dabei drei Flaggen - das Sternenbanner der USA sowie zwei christliche Flaggen. In der Bildmitte steht ein schwarzer Junge mit der Flagge der US Episcopal Church, deren aufgesetztes Kreuz auf den Betrachter gerichtet ist. Dieser Junge bildet den goldenen Schnitt des Bildes. Von dort wird unsere Aufmerksamkeit jedoch sogleich auf den abseits stehenden Jungen am rechten Bildrand gelenkt. Merkwürdig entrückt und in sich gekehrt schaut er direkt in Richtung Kamera. Sein Blick hält inne, so wie die ganze Gruppe innehält und die Zeit stehen zu bleiben scheint, nicht einmal die Fahnen bewegen sich. Genau diesen Moment des Innehaltens und der Stille hat der Fotograf auf so eindrucksvolle Weise eingefangen. In dieser Fotografie verschafft er dem Dahinfließen der Welt einen Moment der Ruhe.
Einen ähnlich stillen Moment mit gleichzeitigem Patriotismus hat der Fotograf bei der Nachtaufnahme MIDTOWN, SALVATION ARMY eingefangen. Im Zentrum des Bildes eine ältere Dame mit Regenmantel und Kopfbedeckung. Andächtig und in sich versunken, umklammert sie das Sternenbanner. Dabei scheint sie zu schweben und ist umringt von einer Gruppe entrückter Männer, die nur schemenhaft zu erkennen sind.

Modern präsentiert sich die Fotografie MANHATTAN, SKYLINE. Die Szene spielt diesmal nicht in den Straßen New Yorks, sondern auf einem Dach der Metropole. Hier setzt der Fotograf wieder deutlich Ebenen ein, die das Bild unterteilen. Im Vordergrund ein Swimmingpool und Personen auf Sonnenliegen, dahinter eine Mauer aus Ziegelstein und als finalen Hintergrund die imposante New Yorker Skyline mit hochaufragendem Empire State Building. Die Mauer durchschneidet die Bildfläche dabei horizontal auf ganzer Breite und teilt die Fotografie in ihren Vorder- und Hintergrund. Die beiden Ebenen verbinden sich visuell einzig durch den Laternenmast im Vordergrund rechts, der mit dem Empire State Building im Hintergrund rechts korrespondiert. Die Personen auf dem Bild scheinen auch hier wieder merkwürdig abwesend, sind mit sich selbst beschäftigt und kommunizieren nicht miteinander. Diese Aufnahme zeigt erneut, wie der Fotograf ein Geschehen in eine Art Bühnenbild zu verwandeln vermag. Hier wird seine jahrzehntelange Profession als Standfotograf deutlich. Heute denkt man dabei gerne an die sogenannte Staged Photography, jene inszenierte und an cineastische Bilder erinnernden Fotokunstwerke beispielsweise eines Jeff Wall oder Gregory Crewdson, einer Cindy Sherman oder Hannah Starkey.

Das Bild EMPIRE STATE BUILDING - ein sich vermeintlich im Anflug auf New York City befindliches Flugzeug, soll den Betrachter beeindrucken und in Staunen versetzen und zielt einzig auf diesen Effekt. Gezeigt wird der strahlend blaue Blick aus einem Verkehrsflugzeug auf das in greifbarer Nähe scheinende Empire State Building und hinab auf Manhattan. Hier können wir ein Augenzwinkern des Fotografen erkennen, denn erst auf den zweiten Blick stellen wir fest, dass irgendetwas nicht stimmt und beginnen das Bild zu untersuchen. Als erstes fällt auf, dass das Flugzeug unmöglich so dicht am Empire State Building vorbeifliegen kann, aber es gibt noch andere Anzeichen. Genaugenommen kennzeichnen dieses Bild zwei oder drei Ebenen, die übereinanderliegen: Die Ebene des Flugzeuges mit dem weißen Horizont, der diagonal von links oben nach rechts unten verläuft; die Ebene des Empire State Building, das einem Uhrzeiger gleich senkrecht dasteht, wobei das Triebwerk und der Tower eine Schnittmenge bilden; die Ebene Manhattans mit Hudson- oder East-River, die durch den Tower hindurchzuschimmern scheinen. Schließlich stellen wir fest, dass es sich hier um eine beeindruckende Fotomontage handelt.

Das NEW YORK PORTFOLIO 1963|64 enthält auch Fotografien von Orten und Bauwerken, Sehenswürdigkeiten und Straßenszenen der Megacity. Auch eine kleine Serie der New Yorker Weltausstellung - New York World's Fair 1964, die an Garry Winogrands New York-Serie erinnert. Am bestechendsten sind jedoch jene Aufnahmen, in denen der Fotograf Personen abbildet, den Menschen in den Bildmittelpunkt rückt.
Heute, nach einem halben Jahrhundert, haben diese wiederentdeckten Amerikaaufnahmen Arthur von Schwertführers ihren Reiz nicht verloren und können neu rezipiert werden. Sie sind mit großem Gespür für den Decisive Moment und mit kompositorischer Kunstfertigkeit geschaffen. Sie tragen den Charme früher Farbfotografien in sich und sind mittlerweile zum Zeitdokument geworden. Das NEW YORK PORTFOLIO 1963|64 ist die fotografische Hommage eines deutschen Bildkünstlers an die amerikanische Metropole und seine Bürger. Das eindrucksvolle Spätwerk eines heute in Vergessenheit geratenen Fotografen, der sein Leben voll und ganz der Fotografie gewidmet hat.