SPRENGBAGGER 1010 | Stummfilmdrama, 1929

SPRENGBAGGER 1010 ist ein sozialkritischer Industriefilm aus dem Jahre 1929, der die Industrialisierung und Technisierung der Welt, den Fortschrittsglauben und den Geist der Moderne beschreibt. Er verhandelt das komplizierte Verhältnis von Mensch und Technik und stellt die Frage, wie sich der Mensch in diesen Zeiten des industriellen Umbruchs verhalten soll: Naturbeherrschung des Menschen vs. Beherrschung des Menschen durch die Maschine? Obgleich sich der Film von der Erscheinung her an der neuen Sachlichkeit und am Industriefilm orientiert, ist er kein Dokumentarfilm. Der Produktionsleiter Hans von Wolzogen überschreibt dies im Filmblatt mit Menschenfilm - Maschinenfilm.

Der Film entstand 1929 als letzter deutscher Stummfilm unter der Regie von Carl-Ludwig Achaz-Duisberg (1889-1958), der auch das Drehbuch schrieb. Die Außenaufnahmen entstanden im Mitteldeutschen Braunkohlegebiet der Leuna-Werke, die Studioaufnahmen in Marienfelde. Die fotografische Leitung oblag Helmer Lerski, Kameramänner waren Arthur von Schwertführer, Herbert Körner und Hugo von Kaweczynski. Eine weitere Person, dessen Mitwirken am SPRENGBAGGER 1010 kaum bekannt ist, war Arthur von Schwertführers Freund und Schüler - Fred Zinnemann (1907-1997), dem die Aufgabe des "Schwenkers" (Kamerassistent, Kameraoperateur) zufiel. Jahre später emigrierte dieser in die Vereinigten Staaten, wurde selber namhafter Regisseur und gelangte als mehrfacher OSCAR-Preisträger zu Weltruhm (u.a. "High Noon", "Geschichte einer Nonne" und "Der Schakal").

Die Musik zum Film stammt von Walter Gronostay (1906-1937), einem Pionier der Rundfunkmusik. In einer Zeit, in der der Tonfilm gerade erst Einzug in die Kinos hielt schuf er eine meisterliche Begleitmusik. Ursprünglich komponiert für Kammerorchester, setzte er auch Effekte wie Werkssirenen, Gasflaschen, Sprengstoffexplosionen und einen Sprechchor ein. Es entsteht eine Art Geräuschmusik, die einen starken Bezug zum Industrieambiente herstellt.

Unklarheit herrscht darüber, wie der Filmtitel "1010" gelesen werden soll, ob die Ziffern als "Tausendzehn" oder "Zehn-Zehn" gelesen werden soll? Für beide Interpretationen gibt es Erklärungen.

Die Handlung

Im Zentrum des Films steht der Sprengbagger, ein riesiger Abraumbagger für den Braunkohletagebau. Im Film konstruiert vom Ingenieur Karl Hartmann, der seiner bisherigen Maschinenwelt jedoch müde geworden ist. Schornsteine, Rauchwolken, Kolben und Räder haben ihn ermattet, er sehnt sich zurück zur Natur. Seine Assistentin, die junge Olga Lossen, erkennt jedoch den genialen Entwurf der Übermaschine und unterbreitet die Konstruktionszeichnung gleich dem Direktor der Karolinenwerke - Direktor March. Dieser will den Riesenbagger sofort bauen lassen, aber Ingenieur Hartmann kann und will nicht mehr. Er lässt alles im Stich und reist in seine Heimat, wo seine Großmutter - die alte Hartmann, auf Nilsenhöh in Erbpacht eine Mühle betreibt. Ingenieur Hartmann trifft dort seine Freundin aus der Kindheit - die Gutsbesitzerin auf Nilsenhöh, Camilla von Einerm, wieder. Die beiden entwickeln innige Zuneigung zueinander. Um Hartmann entsteht ein Zwiespalt, zum einen zwischen den beiden Frauen Olga und Camilla, zum anderen zwischen den zwei unterschiedlichen Welten - der Maschinenwelt und der freien Natur. Währenddessen hat Direktor March große Sorgen, da die bisherigen Braunkohlevorkommen im Karolinenwerk zu Ende gehen und tausend Arbeiter von Armut bedroht sind. Durch einen Zufall findet Ingenieur Hartmann auf einem Acker seiner mittlerweile Verlobten Camilla zufällig Braunkohle und kehrt voller Begeisterung in sein früheres Leben zurück. Der Sprengbagger ist fertiggestellt, der zwiespältige Hartmann arbeitet wieder mit seiner Assistentin Olga zusammen und Direktor March kauft den Landwirten ihren Grund und Boden ab. Einzig Hartmanns Verlobte, die Gutsherrin Camilla von Einerm, verkauft nicht und auch die Mühlenpächterin, die alte Hartmann, will ihre Mühle nicht verlassen. Später stirbt sie in der brennenden Mühle. Da trifft auch schon der riesige Sprengbagger im neuen Abbaugebiet ein und soll alsbald die erste Sprengung durchführen.  Camilla glaubt, dass sie Hartmann an Olga verloren hat, sie spürt auch dass sie sich der neuen Entwicklung und der von Arbeitslosigkeit bedrohten Arbeiter nicht entgegenstemmen kann. Über das Ende des Films herrscht Unklarheit - Happy-End oder nicht?
Im FILM-KURIER von 1929 ist beschrieben, dass Camilla diesen ersten Sprengschuss überlebt habe: "Hartmann eilt zu ihr, sie lebt und steht unverletzt im Aufruhr der Elemente, die doch dem Menschenwillen gehorchen. Und an Karls Freude erkennt Camilla, dass sie auf seine Liebe bauen darf. Hoffnungsvoll schreitet sie neben ihm einer neuen Zeit entgegen, die sich in donnernden Sprengschüssen des Riesenbaggers ankündigt".
In aktuellen Filmbeschreibungen heisst es jedoch genau umgekehrt und so stellt sich der heutige, gekürzte Film auch dar. Camilla stirbt bei dieser ersten Sprengung und gibt so den Weg für das Vorhaben, die neue Entwicklung, den Fortschritt, frei. "Achtlos geht sie in das Sperrgebiet und stirbt bei der ersten Sprengung, ausgelöst durch Hartmanns Hand".

SPRENGBAGGER 1010 heute

Von SPRENGBAGGER 1010 existiert heute nur noch eine stark gekürzte Fassung. Die ursprünglich 132 Minuten dauernde, originale Langfassung gilt als verschollen. Die einzig überlebende und um 45 Minuten stark gekürzte, jetzige Fassung kam 1979 aus Moskau zum Bundesarchiv-Filmarchiv Berlin und lag dort über viele Jahre unbeachtet in deren Sicherheitsbunkern.
Von den dort gelagerten, rund 11.000 Filmen, sind ungefähr nur 1.200 Stummfilme aus jener Zeit. Von diesen wiederum ist nur ein kleiner Teil tatsächlich spielbar. Viele dieser Filmschätze sind teilweise mit großen Verlusten versehen, sind unvollständig oder weisen Zersetzungserscheinungen auf. Grund hierfür ist u.a. der seinerzeit verwendete Nitrofilm, dessen chemische Substanz partiell für Brüchigkeit sorgt und sich selbst auflöst. Nitrofilm ist gefährlich, leicht entflammbar und kann gar explodieren, er fällt deshalb unter das Sprengstoffgesetz.
Das Bundesarchiv-Filmarchiv Berlin besitzt seit 2005 einen neuen Bunker, den sogenannten Nitrobunker. Dieser besteht aus über 40 Kammern mit jeweils zwei Regalwänden á 11 Meter, in denen 2.000 Rollen gelagert werden können. Der Bunker verfügt über eine autarke Klimatisierung von 6 Grad Cesius - der optimalen Raumtemperatur zu Lagerung von Nitrofilm, und hält eine Luftfeuchtigkeit von 50 Prozent aufrecht.

Heute ist SPRENGBAGGER 1010 ein filmisches und musikalisches Zeitdokument der 1920er Jahre und wurde nach 82 Jahren am 18. März 2011 in der Stiftung ZOLLVEREIN in Essen wieder uraufgeführt.